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Positionen

Als Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten vertritt der IFK die Interessen seiner Mitglieder gegenüber der Politik, den Krankenkassen, der Ärzteschaft und anderen Institutionen im Gesundheitswesen und setzt sich dafür ein, die Arbeitsbedingungen selbstständiger Physiotherapeuten stetig zu verbessern. Dabei liegen uns eine angemessene Vergütung, gute Arbeitsbedingungen sowie Strategien gegen den Fachkräftemangel besonders am Herzen. 

Dafür setzen wir uns ein:

  • bessere Arbeitsbedingungen durch eine zeitgemäße Leistungsbeschreibung für eine zukunftsfeste therapeutische Versorgung
  • eine angemessene Vergütung, die eine wirtschaftliche und leistungsgerechte Praxisführung ermöglicht
  • ein modernes Berufsgesetz, das der wachsenden Komplexität des physiotherapeutischen Berufsbildes gerecht wird und eine hochschulische Ausbildung beinhaltet  
  • mehr Autonomie für Physiotherapeuten (Direktzugang)

Verantwortungsvolle Patientenversorgung braucht jetzt Weichenstellungen

Aktuelle Probleme belasten die Physiotherapie stark. Der sich stetig verschlimmernde Fachkräftemangel, die nicht wirtschaftlich tragbare Vergütung durch die gesetzlichen Krankenkassen und die Kostensteigerungen durch Inflation und Teuerung der Sachkosten erfordern kurzfristig konkrete Lösungsansätze, damit die Patientenversorgung nicht gefährdet ist.  Aber auch langfriste Themen müssen bereits jetzt vorbereitet werden. Uns fehlt die Zeit, Versorgungsforschung in der Physiotherapie immer wieder in die Zukunft zu verschieben. Einen Lichtblick liefert dazu der Koalitionsvertrag der Bundesregierung: „Wir bringen ein Modellprojekt zum Direktzugang für therapeutische Berufe auf den Weg.“

Internationale Erfahrungen zeigen, dass der Direktzugang für Patienten einen schnelleren Therapiebeginn und damit eine deutliche Verbesserung der medizinischen Versorgung bietet, da sie nicht erst beim Arzt auf einen Termin warten müssen, um eine Verordnung zu erhalten. Der Direktzugang sorgt also dafür, dass den Patienten schneller geholfen wird als derzeit. Die Ablösung der tradierten Arbeitsteilung zwischen Arzt und Physiotherapie durch den Direktzugang ermöglicht es zudem, das Gesundheitssystem in diesem Bereich völlig neu zu durchdenken – vom Patienten aus und mit seinen Bedürfnissen im Blick – und die knappen im System verfügbaren Ressourcen bestmöglich zu nutzen und ärztlicherseits zu entlasten.

Für Physiotherapeuten bedeutet der Direktzugang in erster Linie einen großen Schritt hin zu mehr Professionalisierung des Berufsbilds, insbesondere mehr Autonomie. In Zeiten des sich stetig verschlimmernden Fachkräftemangels braucht die Branche dringend eine Reform, die den Beruf attraktiver macht und das starre Korsett der Arbeitsbedingungen zugunsten von mehr Flexibilität und Eigenverantwortung aufbricht.

Internationale Studien belegen, dass der Direktzugang zur Physiotherapie sowohl die Qualität als auch die Wirtschaftlichkeit der Versorgung verbessert. Ein Blick über den internationalen Tellerrand zeigt, dass der Direktzugang in anderen Ländern bereits seit Jahren erfolgreich im Einsatz ist. Vor allem im muskuloskelettalen Bereich nutzen Patienten die Möglichkeit, schnell und einfach eine Einschätzung ihrer Beschwerden einer physiotherapeutischen Fachfrau einzuholen und sich behandeln zu lassen. Beim Erkennen sogenannter „Red Flags“ oder wenn sich Symptome nicht verbessern, leitet der Physiotherapeut natürlich an einen (Fach-)Arzt weiter.

Es geht also nicht darum, die verschiedenen Professionen gegeneinander auszuspielen und den jeweils anderen mit seinen Kompetenzen infrage zu stellen, sondern ein interdisziplinäres Miteinander zu schaffen, in dem die Versorgung der Patienten bestmöglich organisiert ist. Eine neue Rollenverteilung ist immer eine Herausforderung. Doch der Direktzugang in der Physiotherapie hat das Potenzial, eine neue, patientenorientierte Zusammenarbeit zu ermöglichen und die Kompetenzen aller Berufsgruppen bestmöglich zu nutzen. Effektivität und Effizienz der Therapie werden gesteigert, die Versorgung in der Fläche verbessert - so die Annahme für das deutsche Gesundheitssystem.

Bevor das Thema Direktzugang im Rahmen einer Regelversorgung diskutiert werden kann, bedarf es konkreter Forschungsergebnisse, die die Basis für weitere Diskussionen im Kontext des deutschen Gesundheitssystems bilden können: Wie ist die Behandlungsqualität? Wie wird Patientensicherheit garantiert? Wie ist der prospektive Behandlungserfolg? Welche wirtschaftlichen Effekte treten ein? Wie ist das Inanspruchnahmeverhalten von Patienten? Welches Qualifikationsniveau überzeugt? Dies sind nur einige der Fragen, die in einem Modellvorhaben zum Direktzugang untersucht werden müssen.

Eine Voraussetzung für ein solches Modellvorhaben ist eine neu zu schaffende gesetzliche Grundlage. Auf Basis der Ergebnisse eines Modellvorhabens – die erst in einigen Jahren vorliegen würden – wäre zum ersten Mal eine wirkliche Diskussion über den Direktzugang im deutschen Gesundheitssystem möglich.

Gegenwärtige Diskussionen zum Direktzugang sind oft von Annahmen geleitet. Annahmen, die mitunter auch zur Ablehnung eines solchen Vorhabens führen, mit der Begründung, dass zu viele Fragen offen und internationale Erfahrungen nicht übertragbar seien. Das offensichtliche Paradoxon, dass diese Fragen ohne ein Modellvorhaben nicht beantwortet werden können, wird dabei häufig außer Acht gelassen. Schon jetzt steht jedoch fest, dass der Direktzugang in Deutschland nur ein Baustein der physiotherapeutischen Versorgung sein kann und nicht für alle Patienten bzw. Diagnosen geeignet ist. Beispielsweise für multimorbide Patienten oder bei Diagnosen, für die bildgebende Verfahren erforderlich sind, wird eine Behandlung über den Direktzugang nicht angezeigt sein. Auch Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass die Gruppe der Patienten, die über den Direktzugang behandelt werden können, begrenzt ist. Vor allem bei jüngeren Patienten oder Symptomen wie dem unspezifischen Rücken- und Nackenschmerz, wird jedoch von sehr guten Erfahrungen berichtet.  

Neben dem kurzfristigen Handlungsbedarf, dem Fachkräftemangel auch gesetzgeberisch zu begegnen, plädiert der IFK dafür, schon jetzt eine gesetzliche Grundlage auf den Weg zu bringen, die weitere Forschung ermöglicht, um zukünftige Versorgungsthemen auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse, in eine seriöse Debatte zu führen. Eine Debatte, die auf Ergebnissen fußt, nicht auf Annahmen.

Der Text erschien in der Zeitschrift physiotherapie (Ausgabe 5-22)

Modellvorhaben für mehr Autonomie

Zwischen 2011 und 2018 führte der IFK gemeinsam mit der BIG direkt gesund ein Modellvorhaben für mehr Autonomie in der Physiotherapie. Alle Informationen dazu finden Sie hier.

 

Fachkräftemangel – ein Problemfeld der physiotherapeutischen Versorgung

Bereits seit Jahren zeichnet sich in der Physiotherapie ein Fachkräftemangel ab. Seit 2017 belegen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit diesen als solchen. Die Zahlen sprechen für sich: Kamen 2006 auf eine bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldete Physiotherapeutenstelle noch rund fünf arbeitssuchende Physiotherapeuten, hat sich das Verhältnis in der Zwischenzeit umgekehrt. Im Juli 2022 waren bei der Bundesagentur pro arbeitssuchenden Physiotherapeuten 3,9 freie Stellen gemeldet, Tendenz weiter steigend. Durchschnittlich dauert es mehr als ein halbes Jahr, bis eine ausgeschriebene Physiotherapeutenstelle nachbesetzt werden kann.

Auch die Situation auf dem Ausbildungsmarkt macht nur wenig Hoffnung auf eine baldige Besserung des Fachkräftemangels. Von 2005 bis 2015 gingen die Schülerzahlen an Physiotherapiefachschulen konstant zurück. Insgesamt ist die Zahl der Physiotherapieschüler in diesen zehn Jahren bundesweit um 17 Prozent gesunken. Ab 2015 wurde der Negativtrend zwar gebrochen, blieb aber bis 2018 auf einem konstant niedrigen Stand. Erst seit Beginn des Schuljahrs 2019/2020 ist die Zahl der Schüler erstmals seit 2015 wieder gestiegen. Dieser Aufschwung lässt sich – zumindest zu einem Teil – auf die Schulgeldfreiheit an vielen Physiotherapieschulen zurückführen, die ab September 2018 in vielen Bundesländern nach und nach umgesetzt wurde.

Derzeit ist die fachschulische Physiotherapieausbildung in elf Bundesländern schulgeldfrei. Aktuell ist Rheinland-Pfalz im Juli 2022 nachgerückt. Außerdem sind die Physiotherapieschüler in Baden-Württemberg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern teilweise vom Schulgeld befreit, wenn sie beispielsweise an Fachschulen lernen, die an Krankenhäuser angegliedert sind und die Finanzierung so über das Krankenhausfinanzierungsgesetz erfolgt. Lediglich in Berlin und Sachsen-Anhalt ist eine schulgeldfreie Physiotherapieausbildung bislang noch nicht möglich. Die leicht positive Entwicklung nach Einführung der Schulgeldfreiheit zeigt sich an den Schülerzahlen des ersten Ausbildungsjahrs 2019/2020 sowie 2020/2021. In den Absolventenzahlen kann sich diese Entwicklung bei einer Regelausbildungsdauer von drei Jahren allerdings noch nicht widerspiegeln. Dieser zeitliche Verzug erklärt auch, weshalb sich die jüngsten Verbesserungen auf dem Ausbildungsmarkt bisher noch nicht nachhaltig auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt haben.

Die lange Zeit obligatorischen Ausbildungskosten an den Physiotherapiefachschulen sind sicherlich nicht der einzige Grund für die mangelnde Attraktivität des Berufsbildes Physiotherapie, mit der unsere Branche seit Jahren zu kämpfen hat und die als Treiber des Fachkräftemangels gesehen werden können. Ein Schmerzpunkt, der mir persönlich als Physiotherapeutin, aber auch als Vorstandsvorsitzende des IFK, in meiner gesamten Laufbahn wichtig war und ist, sind sie Arbeitsbedingungen unseres Berufsstandes. Dazu gehört in erster Linie eine angemessene und leistungsgerechte Vergütung physiotherapeutischer Leistungen, die es den selbstständigen Physiotherapeuten ermöglicht, ihre Angestellten angemessen zu bezahlen, die eigene Familie zu ernähren, ihre Praxis zu finanzieren und instand zu halten sowie sich eine ausreichende Altersvorsorge aufzubauen.

Obwohl sich im Bereich Vergütung in den letzten fünf Jahren einiges bewegt hat, sind wir hier noch immer nicht an einem Punkt, den wir als Berufsverband als angemessen bezeichnen können. Aufgrund der gestiegenen Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) sind die Umsätze der Physiotherapiepraxen von 2017 bis 2021 um insgesamt 36,3 Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum haben sich – laut Angaben der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) – die Gehälter der Angestellten in den Praxen selbstständiger Physiotherapeuten um 32,8 Prozent erhöht. Damit zeigt sich, dass die Praxisinhaber, einen großen Teil der Vergütungserhöhungen durch die GKV an ihre Mitarbeiter weitergegeben haben. Trotzdem ist das Gehalt vieler Physiotherapeuten in niedergelassenen Praxen noch immer deutlich unter einem Stand, der sich mit den Gehältern von Physiotherapeuten, die im stationären Bereich tätig sind, messen kann. Auch Praxisinhaber selbst verdienen in vielen Fällen weniger als angestellte Physiotherapeuten in leitender Position, beispielsweise im öffentlichen Dienst. Die nicht ausreichende Vergütung der letzten Jahrzehnte hat in vielen Praxen außerdem zu einem Investitionsstau geführt, der erst einmal aufzulösen ist, indem beispielsweise in neue Praxisausstattung investiert werden muss. Daher können Praxisinhaber die Vergütungserhöhung nicht vollständig an ihre Mitarbeiter weitergeben.

Neben einer angemessenen Vergütung tragen aber auch weitere Faktoren zur Attraktivität der Physiotherapie bei. Therapeuten benötigen ausreichend Zeit, um den Patienten nicht nur die rein fachliche, sondern auch die erforderliche menschliche Zuwendung geben zu können. Generell ist eine gesteigerte Zufriedenheit bei der Ausübung des Berufs ein elementarer Baustein, um Fachkräfte zu gewinnen, aber auch langfristig zu halten. Dies kann zum Beispiel durch angemessene Behandlungszeiten erreicht werden, in denen die Therapeuten ausreichend Zeit haben, die Techniken am Patienten anzuwenden, die sie gemäß ihrer Ausbildung für therapeutisch sinnvoll erachten und gleichzeitig die entsprechenden Befugnisse haben, dies zu tun. Auch das Thema mehr Autonomie in der Physiotherapie spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle (dazu lesen Sie die Position des IFK in der Ausgabe 5-22 der „physiotherapie“). Ebenso trägt die Verbesserung der Attraktivität der Physiotherapieausbildung wesentlich zu einer erhöhten Zugkraft für die Physiotherapiebranche bei.

Der leichte Positivtrend, der sich bei den Schülerzahlen – wie oben beschrieben - derzeit abzeichnet, erlaubt einen vorsichtig hoffnungsvollen Blick in die Zukunft unseres Berufsstandes. Es ist allerdings nicht absehbar, ob und wenn ja, wann sich die gestiegenen Schülerzahlen der letzten beiden Jahre auf dem Arbeitsmarkt widerspiegeln werden. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass die Physiotherapeuten der sogenannten Baby-Boomer-Generation in den kommenden Jahren aus dem Beruf ausscheiden werden, während der Bedarf an Physiotherapie durch den demografischen Wandel gleichzeitig zunimmt. Hier eröffnet sich in naher Zukunft ein neues Problemfeld für die physiotherapeutische Versorgung. Um unseren – zunehmend multimorbider werdenden – Patienten auch in Zukunft eine verlässliche Versorgung bieten zu können und sicherzustellen, dass alle Patienten, die eine physiotherapeutische Behandlung benötigen, diese auch erhalten, muss jetzt gehandelt werden! Diese Botschaft vertreten wir deutlich gegenüber Politik und Krankenkassen. Wir haben als Berufsverband schon an vielen Stellen Prozesse angestoßen und begleitet. Die gesetzlichen Grundlagen müssen letztendlich aber von der Bundesregierung kommen.

Im Koalitionsvertrag der Ampelregierung findet sich hierzu eine Passage, die wir als ein positives Signal bewerten: „Wir verbessern die Arbeitsbedingungen der Gesundheitsfachberufe“. Im Bereich der Vergütung wurde mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) bereits ein guter Schritt in die richtige Richtung getan. Weitere müssen nun folgen. Es ist dabei nicht nur wichtig, die Arbeitsbedingungen so weit zu verändern, dass ein zunehmendes Abwandern von Fachkräften in andere Berufsfelder verhindert wird und Therapeuten weiterhin mit Freude und Engagement ihrer Arbeit nachgehen können. Gleichzeitig muss die Physiotherapieausbildung so reformiert werden, dass sie für eine größere Anzahl an Schulabgängern attraktiv und interessant wird – dafür ist ein Angleich an internationale Standards unbedingt notwendig. Um den Fachkräftemangel nachhaltig zu entschärfen, bedarf es also insgesamt einer deutlichen Verbesserung der Attraktivität des Berufs!

Der Text erschien in der Zeitschrift physiotherapie (Ausgabe 6-22)

Reform des Berufsgesetzes der Physiotherapie

Es ist ein viel diskutiertes Thema: die Akademisierung der Physiotherapie. Die politische Forderung des IFK in dieser Diskussion ist die Etablierung einer vollständigen, primärqualifizierenden hochschulischen Ausbildung. Sie soll die bisherige fachschulische Ausbildung ablösen. Doch warum ist es erforderlich, das Ausbildungssystem so tiefgreifend zu verändern? 

Was passiert mit den Therapeuten, die eine fachschulische Ausbildung gemacht haben? Wie will man den Weg zur Vollakademisierung gestalten, wenn es derzeit gar nicht genügend Hochschulen gibt? Das sind nur drei Fragen von vielen, die im Zusammenhang mit der Forderung der Vollakademisierung gestellt werden. Die Berufsverbände des SHV haben gemeinsam die Vor- und Nachteile verschiedener Optionen diskutiert und Lösungswege erarbeitet. 

Tiefgreifende Veränderungen sind notwendig

Als Physiotherapeuten leisten wir einen enorm wichtigen Beitrag für die Patientenversorgung in Deutschland. Dieser wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, auch mit Blick auf den demografischen Wandel, weiter wachsen: Die Bevölkerung wird älter, multimorbider und damit zunehmend therapiebedürftiger. Dementsprechend steigen die Ansprüche an uns Therapeuten, sowohl bei der Umsetzung einer evidenzbasierten Diagnostik als auch in der Therapie. Evidenz lässt sich nur durch gezielte Forschung erreichen. Physiotherapeuten müssen für ihre eigene Berufsgruppe Studien durchführen, um die Effektivität ihrer Untersuchungs- und Behandlungstechniken nachzuweisen. Nur durch die Akademisierung des Berufs lassen sich eigene Forschungstrukturen in der Physiotherapie ausbauen. Daneben müssen die Forschungsergebnisse dann auch in die Ausbildung und Praxis transferiert werden. Es sind also zwei Themen, die im Zuge der Akademisierung wichtig sind: zum einen die Ausbildung als solche und zum anderen die nötigen Forschungsstrukturen. 

Das mittlerweile nicht mehr zeitgemäße Berufsgesetz von 1994 und seine Ausbildungs- und Prüfungsverordnung müssen dahingehend geändert werden, dass sie den Erwerb von Kompetenzen im Sinne der Ausrichtung an zukünftige Versorgungsbedarfe, Tätigkeitsprofile und zunehmend komplexere Krankheitsbilder widerspiegeln. Dazu zählen beispielsweise die Übernahme von  Steuerungsverantwortung für physiotherapeutische Prozesse sowie die interprofessionelle Zusammenarbeit. Gleichzeitig gibt es Ausbildungsinhalte, die inzwischen überholt sind und daher nicht mehr unterrichtet werden müssen. Eine gründliche Überarbeitung ist also unabdingbar.

Akademisierung steigert Berufsattraktivität

Den stetig steigenden Therapiebedarfen steht eine zunehmend kleiner werdende Anzahl an Therapeuten gegenüber. Der Fachkräftemangel ist ein bekanntes Problem – nicht nur, aber auch in der Physiotherapie (mehr dazu lesen Sie in der „physiotherapie“ 6-22). Unser Beruf muss attraktiver werden, um wieder mehr junge Menschen für ihn zu begeistern! Neben einer angemessenen Vergütung ist die Akademisierung dabei ein wichtiger Baustein für ein attraktiveres Berufsbild. Die derzeit stark limitierten Möglichkeiten der beruflichen (Weiter-)Entwicklung werden erweitert. Die Gestaltung eines Arbeitsumfelds, in dem sich die dabei gewonnenen Kompetenzen auch entfalten können, steigert die Attraktivität der Therapieberufe deutlich und erhöht nicht zuletzt angesichts der über Jahrzehnte gestiegenen Abiturientenquote die Nachfrage nach einer Ausbildung in den Therapieberufen.

Im übrigen ist eine akademische Ausbildung in zahlreichen anderen Ländern selbstverständlich. Die Forderung nach hochschulischen Strukturen ist somit die Forderung nach einer Angleichung der physiotherapeutischen Ausbildung an internationale und europäische Standards.

Praxisbezogene Studieninhalte

An einer Hochschule lernen Studierende neben den praktischen und theoretischen Grundlagen der Physiotherapie wissenschaftliche Methoden- und Forschungskompetenz, die eine kritisch reflektierende Grundhaltung des Physiotherapeuten in der täglichen Arbeit fördern. Ein mitunter gängiges Vorurteil ist, dass eine hochschulische Ausbildung nicht ausreichend für den Einsatz in einer Praxis qualifiziert, sprich: Die akademische Ausbildung soll zu wenig praxisorientiert sein. Ganz im Gegenteil dazu muss man aber objektiv feststellen, dass eine akademische Ausbildung – so wie sie von uns vorgeschlagen wird – keine Theoretiker hervorbringt, sondern reflektierende Praktiker. Diese werden selbstverständlich für den praktischen Einsatz am Patienten vorbereitet. Beispielsweise unsere in den Niederlanden ausschließlich hochschulisch ausgebildeten Kollegen stellen seit Jahrzehnten unter Beweis, dass das funktioniert. Wir als Physiotherapeuten arbeiten Tag für Tag mit Menschen, die ihre Gesundheit in unsere Hände legen. Dieser Verantwortung wird selbstverständlich auch eine reformierte hochschulische Ausbildung Rechnung tragen.

Bestandsschutz für fachschulisch ausgebildete Therapeuten

Gleichzeitig dürfen wir die Leistungen, die alle bewährten Physiotherapeuten bereits jetzt und in Zukunft weiterhin für das deutsche Gesundheitssystem erbringen, nicht aus dem Blick verlieren. Sie sind es, die die physiotherapeutische Versorgung derzeit sicherstellen, die den Übergangsprozess begleiten werden und auch in Zukunft jungen, hochschulisch ausgebildeten Physiotherapeuten mit ihrer Erfahrung zur Seite stehen. Andersherum können fachschulisch ausgebildete Therapeuten von Hochschulabsolventen lernen. Es ist wichtig, den Bestandsschutz für alle Therapeuten zu regeln, die auf der Grundlage des aktuellen Berufsgesetzes ihre Ausbildung an einer Fachschule absolviert haben. Für sie muss selbstverständlich gewährleistet sein, dass alle Aufgaben, die zurzeit in der täglichen Arbeit übernommen werden, auch zukünftig ohne Einschränkung weiterhin möglich sind. 

Derzeit ermöglichen Modellklauseln Studiengänge

Bereits jetzt besteht in Deutschland die Möglichkeit, sich für eine hochschulische Ausbildung in der Physiotherapie zu entscheiden. 2009 wurde die sogenannte Modellklausel zur Erprobung von akademischen Ausbildungsangeboten in der Physiotherapie in das Berufsgesetz eingefügt. Diese ermöglichte es Hochschulen, grundständige Modell-Studiengänge in der Physiotherapie anzubieten – auf der Basis des aktuellen Berufsgesetzes, das auch für die Ausbildung in Berufsfachschulen maßgebend ist. Der IFK hat diese Modellklausel begrüßt, weil wir sie als einen ersten wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer vollständigen Akademisierung der Ausbildung gesehen haben und noch immer sehen. Die fortlaufenden Verlängerungen dieser Modellklausel – ohne dass es weitere Bestrebungen seitens der Bundespolitik gab, sich der Reform des Berufsgesetzes anzunehmen – beobachten wir allerdings zunehmend kritisch.

BMG befragte IFK und weitere Beteiligte

Ein Schritt hin zu einer tatsächlichen Reform war dann das erste Konsultationsverfahren zum Berufsgesetz der Physiotherapie, das im Sommer 2021 eingeleitet wurde. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) schickte dazu einen Fragenkatalog an verschiedene beteiligte Akteure – unter anderem den IFK. Darin wurde beispielsweise nach einer Positionierung zur Akademisierung der Physiotherapie sowie zum Nebeneinander der fach- und hochschulischen Ausbildung gefragt. Hier hat sich der IFK zusammen mit PHYSIO-Deutschland, dem VPT – Verband für Physiotherapie, dem Verband Leitender Lehrkräfte (VLL) und dem Hochschulverband Gesundheitsfachberufe (HVG) deutlich positioniert: Das bestehende Nebeneinander der fachschulischen Ausbildung sowie der primärqualifizierenden Studiengänge zum Physiotherapeuten bringt für alle Beteiligten Verunsicherung und Unklarheit mit sich. Es ist nicht vermittelbar, dass man denselben Beruf über eine schulische und eine hochschulische Ausbildung lernen kann. Diese Doppelstruktur ist fachlich nicht zu rechtfertigen und würde zudem zu Abgrezungsproblemen führen. 

Klare Abgrenzung der Berufe erforderlich

In der Physiotherapie gibt es aktuell zwei Berufe, den Masseur und medizinischen Bademeister sowie den Physiotherapeuten. Wird die Ausbildung der Physiotherapeuten hochschulisch, gilt es, genau zu definieren, welche Aufgaben vom akademisierten Physiotherapeuten übernommen werden und wofür der Masseur und medizinische Bademeister künftig zuständig sein wird. Um beide Berufe voneinander unterscheidbar zu machen und Verantwortungen eindeutig zu klären, muss sichergestellt werden, dass beide Berufe in ihrer jeweiligen Ausbildung zielgenau auf die ihnen zugedachten Kompetenzen vorbereitet werden. 

Beide Berufe erhalten

Im Juli dieses Jahres hat sich die neue Bundesregierung an die Beteiligten des ersten Konsultationsverfahrens gewandt. Im Anschreiben heißt es, aus den Ergebnissen des ersten Konsultationsverfahrens würde sich eine klare Tendenz zur Erhaltung beider Berufe in der Physiotherapie abzeichnen, also sowohl Physiotherapeuten als auch Masseure und medizinische Bademeister. Für Physiotherapeuten soll eine vollständige Akademisierung avisiert werden, während die Ausbildung der Masseure und medizinischen Bademeister weiterhin fachschulisch bleibt. Das BMG strebt eine umfassenden Reform der Ausbildung an. Ausgebildete Masseure und medizinische Bademeister sollen zudem das Recht erhalten, Physiotherapie an einer Hochschule zu studieren. Damit ist die Durchlässigkeit gewährleistet.

Vertiefende Befragung durch das BMG

Die erste Tendenz aus dem Konsultationsverfahren benötige eine weitere Konkretisierung, befand das Bundesgesundheitsministerium. Daher wurde 2022 eine ergänzende Befragung zu einem sogenannten ersten Konzeptentwurf über die zukünftige Ausgestaltung der Berufe in der Physiotherapie eingeleitet. Darin ging es vor allem um die Ausgestaltung der Kompetenzen und Inhalte für eine zukünftige hochschulische Ausbildung der Physiotherapeuten sowie der fachschulischen Ausbildung der Masseure und medizinischen Bademeister (zukünftige Berufsbezeichnung gegebenenfalls Medizinische Massagetherapeuten). Auch in diesem Konsultationsverfahren gab der IFK gemeinsam mit PHYSIO-Deutschland, dem VPT – Verband für Physiotherapie, dem Verband Leitender Lehrkräfte (VLL) und dem Hochschulverband Gesundheitsfachberufe (HVG) eine gemeinsame Stellungnahme ab. Aktuell wertet das BMG diese und die Stellungnahmen weiterer konsultierter Organisationen aus. Die Ergebnisse der Befragung sollen die Grundlage für einen Referentenentwurf über das Berufsgesetz der Physiotherapie werden.

Mindestens zehn Jahre zur Umsetzung notwendig

Wichtig ist, dass die Reform noch in dieser Legislaturperiode vorangetrieben wird. Denn was bei all diesen Überlegungen beachtet werden muss: Bis wir tatsächlich von einer vollständigen Akademisierung der physiotherapeutischen Ausbildung sprechen können, werden Schätzungen zufolge ohnehin noch mindestens zehn Jahre vergehen. In dieser Zeit müssen die Strukturen für das flächendeckende Angebot von Physiotherapiestudiengängen in Deutschland geschaffen, die Übergangsszenarien für die Berufsfachschulen erarbeitet und entsprechend qualifizierte Lehrkräfte für die Hochschulen ausgebildet werden. 

Transformation der Berufsfachschulen wird mitgedacht

Für die Transformation der Berufsfachschulen haben wir dem Bundesministerium für Gesundheit bereits einen konkreten Vorschlag zukommen lassen. Beispielweise könnten Berufsfachschulen Kooperationen mit Hochschulen eingehen oder ihr Ausbildungsprofil an das hochschulische Curruiculum anpassen und so den Transformationsprozess aktiv mitgestalten. Außerdem sollen Lehrkräfte von Berufsfachschulen die Möglichkeit bekommen, (eventuell mit einer Nachqualifizierung) auch an Hochschulen zu unterrichten, sodass ihre Expertise nicht verloren geht. In jedem Fall wird im Prozess mitgedacht, wie wir die Kompetenzen der Berufsfachschulen erhalten und für die Ausbildung neuer Physiotherapeuten weiterhin nutzen können. Denn die Reform des Berufsgesetzes muss sicherstellen, dass die bewährten Kompetenzen erhalten bleiben und die Qualität der Ausbildung auf einem hohen Niveau bleibt.

Die Entwicklung des Berufsgesetzes und der Ausbildungsverordnung

  • 1958: Erstes bundeseinheitliches „Gesetz über die Berufe des Masseurs, des Masseurs und medizinischen Bademeisters und des Krankengymnasten“.
  • 1960: Die Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Krankengymnasten (APrO) trat in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft.
  • 1994: Das Berufsgesetz wurde überarbeitet und inhaltlich sowie strukturell aktualisiert. Damit ging die Neustrukturierung der Ausbildung einher und die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Physiotherapeuten trat in Kraft.
  • 2001: Der erste Bachelorstudiengang in Physiotherapie startete in Hildesheim.
  • 2009: Die Modellklausel wurde in das Berufsgesetz eingefügt. Dies ermöglichte den Hochschulen, grundständige Modell-Studiengänge in Physiotherapie anzubieten.

Der Text erschien in der Zeitschrift physiotherapie (Ausgabe 1-23)

Dr. Björn Pfadenhauer

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