Physiotherapie: Gehälter steigen stärker als GKV-Vergütungen – Arbeitsmarkt bleibt angespannt
Der Entgeltatlas 2025 und Arbeitsmarktzahlen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege zeigen: Praxisinhaber geben Vergütungssteigerungen überproportional an Beschäftigte weiter.
Die Gehälter von Arbeitnehmern in ambulanten Physiotherapiepraxen sind 2025 deutlich gestiegen. Das geht aus dem aktuellen Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit hervor. Demnach erhöhten sich die Gehälter im Vergleich zum Vorjahr um 6,44 Prozent, während die GKV-Vergütungen zum Januar 2025 um 4,01 Prozent angehoben wurden.
Damit zeigt sich, dass die wirtschaftlichen Verbesserungen durch die GKV-Preisanpassung in der Physiotherapie in erheblichem Umfang bei den Beschäftigten angekommen sind. Praxisinhaber haben bei den Gehältern sogar über die Höhe der Vergütungssteigerungen hinaus investiert. Auch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) bestätigt die Entwicklung und weist für den gleichen Zeitraum eine Gehaltssteigerung von 6,23 Prozent aus.
Die Zahlen widersprechen damit der wiederholt geäußerten Darstellung, beispielsweise im Barmer Heilmittelreport, wonach die Preissteigerungen der gesetzlichen Krankenversicherung nicht oder nur unzureichend bei den angestellten Physiotherapeuten ankamen. Im Gegenteil: Die Gehaltsentwicklung liegt deutlich über der allgemeinen GKV-Preisanpassung. Dies zeigt, dass Praxisinhaber einen erheblichen Teil der zusätzlichen Einnahmen für die Verbesserung der Vergütung ihrer Mitarbeiter eingesetzt haben – und bei den Gehältern teilweise sogar über die unmittelbaren Vergütungssteigerungen hinausgegangen sind. Berichte, wie der Barmer Heilmittelreport oder der Wido-Heilmittelbericht der AOKen, haben in den vergangenen Jahren immer wieder politisch motivierte Falschbehauptungen veröffentlicht, die sich mit offiziellen Branchenzahlen entkräftigen ließen.
„Praxisinhaber stehen immer wieder in der falsch behaupteten Kritik, ihren Angestellten die Vergütungserhöhungen nicht weiterzugeben“, sagt Ute Repschläger, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e. V. „Dabei zeigen die offiziellen Zahlen, dass die Angestelltengehälter im ambulanten Bereich sogar über Gebühr steigen.“
Gleichzeitig bleibt der Arbeitsmarkt in der Branche angespannt. Die Arbeitsmarktzahlen der Bundesagentur für Arbeit für Juli 2026 zeigen, dass das Verhältnis zwischen gemeldeten offenen Stellen und arbeitslosen Physiotherapeuten weiterhin bei rund drei zu eins liegt. An der hohen Nachfrage nach Fachkräften hat sich damit trotz der inzwischen etwas verbesserten Schüler- und Absolventenzahlen bislang wenig verändert.
Zwar kommen perspektivisch mehr Fachkräfte nach: Die Schülerzahlen steigen und damit auch die Zahl der Nachwuchskräfte. Gleichzeitig steht dem jedoch eine erhebliche Zahl von Physiotherapeuten gegenüber, die in den kommenden Jahren altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden werden. Der zusätzliche Nachwuchs wird daher zu einem erheblichen Teil benötigt, um die altersbedingten Abgänge auszugleichen. Ein Anstieg der Schüler- und Absolventenzahlen führt nicht automatisch zu einer schnellen Entspannung des Fachkräftemarktes.
Für die Praxisinhaber bleibt die Entwicklung deshalb mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Einerseits besteht weiterhin ein hoher Bedarf an qualifizierten Angestellten und damit der Druck, attraktive Gehälter und Arbeitsbedingungen anzubieten. Andererseits ist die wirtschaftliche Situation der Praxen unmittelbar von der Entwicklung der GKV-Vergütungen abhängig. Vor diesem Hintergrund besteht die Sorge, dass das von der Bundesregierung angekündigte Reformpaket zum Ende des Jahres die wirtschaftlichen Spielräume der Praxen erneut einschränken könnte. Eine weitere Beschneidung des Handlungsspielraums und der finanziellen Möglichkeiten wäre für viele Praxen problematisch.
„Die Entwicklung unterstreicht die Relevanz einer angemessenen und verlässlichen Vergütung der physiotherapeutischen Leistungen“, so Repschläger weiter. Sie bilanziert: „Nur, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Praxen ausreichend Spielraum lassen, können diese auch künftig qualifizierte Mitarbeiter angemessen vergüten, Fachkräfte gewinnen und die Versorgung der Patienten sicherstellen. Die Politik kann und darf die Physiotherapiebranche nicht weiter schröpfen, nur um der GKV ein paar Euros zu sparen.“ Daneben müssen weitere Themen wie Bürokratieabbau und Berufsautonomie politisch angegangen werden, um die Attraktivität des Berufs zu erhöhen.
Der Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit bietet seit 2017 einen bundesweiten Vergleich der Gehälter verschiedener Berufsgruppen und ermöglicht damit eine objektive Betrachtung der Einkommensentwicklung.