Zwei Ziele, ein Event: Das IFK-Symposium regt zum Nachdenken, Weiterbilden und Austausch an
Ende März gab es gleich zwei gute Gründe, sich durch das Streikchaos auf den Weg zur IFK-Geschäftsstelle nach Bochum zu machen. Zum einen die Jahreshauptversammlung und zum anderen ein neues Veranstaltungsformat des IFK: Unter dem Titel „Manuelle Therapie der Schulter bei Sportlern und jungen Patienten“ lud der IFK Physiotherapeuten und Ärzte ein, sich intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen und ging damit gleich zwei Ideen nach, die sich in den letzten Jahren entwickelt hatten. Erstens: Das jährlich wachsende Weiterbildungsangebot um ein besonderes Format zu ergänzen, das genug Raum lässt, sich intensiv mit der aktuellen Studienlage zu beschäftigen und zu speziellen Themen, die eher unterrepräsentiert sind, Einzelvorträge zu bieten. Zweitens: Am Wochenende der Jahreshauptversammlung ein weiteres Event zu schaffen, das die Teilnehmer – insbesondere diejenigen, die eine weitere Anreise haben – besuchen können, um das Wochenende voll auszuschöpfen. Diesen Wunsch hatte die Vertreterversammlung, die sich aus den Vorsitzenden der Regionalausschüsse des IFK zusammensetzt, geäußert.
Bereits kurz nach dem Einlass hatte sich das Fortbildungszentrum gut gefüllt, über 70 Teilnehmende kamen schließlich trotz Sonnenscheins, Sonntags und eines offiziellen Endes von 16:30 Uhr zusammen. Darunter bekannte und neue Gesichter, frisch ausgelernte Physiotherapeuten und „alte Hasen“ sowie zahlreiche Mitglieder, die bereits die JHV am Vortrag besucht hatten.
Vorschusslorbeeren, über die sich Jan Neuer, stellvertretender Vorstandsvorsitzende des IFK, sehr freute: „Ich bin sehr froh, dass hier heute so viele Leute zusammengekommen sind zum ersten Symposium dieser Art.“ Seine Begrüßungsworte nutze er bewusst, um zu polarisieren und die Zuhörer nachdenklich zu machen. „Ich selber nehme – sowohl in meiner Rolle als Physiotherapeut als auch in der des Praxisinhabers, der regelmäßig mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und auch Bewerberinnen und Bewerbern in Kontakt ist, aber auch in meiner eigenen Tätigkeit als Lehrer für Manuelle Therapie verschiedene Vibes wahr, die die Physiotherapie bewegen.“ Diese äußern sich laut Neuer sowohl im Bemühen um die Vollakademisierung und damit zusammenhängend dem Direktzugang, welcher bedinge, dass Physiotherapeuten nach einer Kompetenz- und Verantwortungserweiterung streben. Zugleich sei der Begriff Ganzheitlichkeit in aller Munde.

Jan Neuer, stellvertretender IFK-Vorstandsvorsitzender.
„Nicht nur Körper und Psyche sollen in die Behandlung mit einbezogen werden, sondern die Therapie soll möglichst auch Felder wie Arbeit, Sport, Stressmanagement, Sozialverhalten, Entspannung, Ernährung et cetera beinhalten – ganz unabhängig davon, ob der Patient einen Faserriss, einen Bandscheibenvorfall oder einen Schlaganfall hat.“
Derart über den Tellerrand zu schauen, sei zwar ein ehrenhafter Gedanke, jedoch kein neuer, führte der Vorsitzende im weiteren Verlauf aus. Dieser entspreche ziemlich genau dem Biopsychosozialen Modell von George L. Engel aus dem Jahr 1977. Für den praktizierenden Physiotherapeuten birgt dieser frühe Anspruch jedoch die Gefahr, bei der Behandlung zu sehr in die Oberflächlichkeit hin abzurutschen und den Fokus vom eigentlichen Krankheitsbild abzuwenden, wodurch dem Patienten womöglich nicht mehr so gezielt geholfen werden könne. Zudem sei die Manuelle Therapie in den letzten fünf Jahren stark unter Beschuss geraten – insbesondere durch Kritik, die auf Social Media geäußert werde. „Manuelle Therapie schadet mehr, als dass sie hilft“ oder „Manuelle Therapie passt nicht mehr in die werteorientierte Versorgung“ sind Beispiele für aktuelle Vorwürfe. Unter Zuhilfenahme der Studie „Die Dämonisierung der Manuellen Therapie“ von Chad Cook et al. aus dem Jahr 2021, in der acht dieser Vorwürfe anhand aktueller Evidenzen widerlegt werden konnten, plädierte Neuer für die Notwendigkeit der Weiterbildung und schlug den Bogen zur laufenden Veranstaltung. Denn der einzige Vorwurf, der nicht von dem amerikanischen Physiotherapeuten widerlegt werden konnte, ist der, dass in der Manuellen Therapie oftmals seit Jahrzehnten die gleichen, gegebenenfalls veralteten Erkenntnisse geschult werden. „Und deswegen sind wir hier beim Symposium, um dem entgegenzuwirken. Es ist ganz wichtig, dass man den Wandel der Zeit sieht. Dass man am Ball bleibt, dass man bereit ist, mit der Wissenschaft zu gehen, indem man Dinge, die als gesicherte Erkenntnis gelten, in seinen Konzepten umsetzt. Das Handwerk Manuelle Therapie darf nicht verloren gehen.“

Birgit Ferber-Busse, Fachlehrerin für Manuelle Therapie im Maitland®Konzept.
Damit überreichte er das Wort an die erste Referentin des Tages, Birgit Ferber-Busse. Die Fachlehrerin für Manuelle Therapie im Maitland®Konzept gibt bereits seit über 20 Jahren manualtherapeutische Fachvorträge und ist einigen Lesern vielleicht bereits von anderen IFK-Seminaren bekannt. In ihrem Vortrag „Klinisches Assessment von (minor) glenohumeraler Instabilität – ist es wirklich eine Instabilität?“ ging Ferber-Busse nach einer kurzen Einführung auf die Klassifikationsmöglichkeit, Tests, mögliche Faktoren und Therapiemöglichkeiten von Schulterinstabilität ein und veranschaulichte die Inhalte mittels zahlreicher Videos, die sie aus ihren Kursen mitgebracht hatte. Beim Punkt Laxität lud sie die Teilnehmer ein, den „Beighton Score“ mal selbst zu testen, was zu einigen schmerzverzerrten Gesichtern führte. Ein spannendes Fallbeispiel von einer Sportlerin aus dem American Football rundete den Vortrag ab und gab Gelegenheit, die zuvor vorgetragenen Erkenntnisse zu vertiefen.
Nach der gern genutzten Fragerunde folgte bereits der zweite Vortrag des Symposiums, in dem sich Johannes Grothues, Physiotherapeut und Fachlehrer für Manuelle Therapie, mit der „Werferschulter bei Sportlern – Aktueller Stand der Evidenz“ beschäftigte. Nach einführenden Definitionen zum Thema ging Grothues auf die Biomechanik des Wurfes ein, bei dem der Übergang von der Late Cocking Phase (späte Ausholphase) zur Acceleration Phase (Beschleunigungsphase) sowie die Deceleration Phase (Abbremsphase) als besonders verletzungsträchtig gelten. Anhand interessanter Zahlen zu strukturellen Veränderungen bei Überkopfsportlern veranschaulichte der Manualtherapeut die Inhalte und rief seine Zuhörer dazu auf: „Wir behandeln nicht nach Bildern, sondern nach Beschwerden.“

Johannes Grothues, Physiotherapeut und Fachlehrer für Manuelle Therapie.
Nach Erläuterungen zu den klinischen Zeichen, Funktionsuntersuchungen und Provokationstests beleuchtete er abschließend die verschiedenen Behandlungsmethoden, wovon die Prävention für ihn das Mittel der Wahl darstellt, was sich auch mittels Evidenz beweisen lässt und die Notwendigkeit von Grundlagen- und Techniktraining einmal mehr untermauert. Nach dem zweiten Vortrag konnten sich die Teilnehmer bei Snacks, Kaffee und Sonnenschein untereinander austauschen. Darüber hinaus gab es die Möglichkeit, am IFK-Stand Fragen rund um die Existenzgründung zu klären oder einfach nur Informationsmaterial mitzunehmen. Auch einige IFK-Kooperationspartner waren vertreten und ermöglichten es, direkt an Ort und Stelle Fragen zu den Abrechnungssystemen oder Versicherungen zu stellen. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Julia Pichura von Opta Data, Peter Fonrobert von Noventi und Klaus Kimberger von der Helmsauer Gruppe.

Torsten Kristant, Manualtherapeut und Fachlehrer für Manuelle Therapie.
Nach der kurzen Stärkung ging es für die Teilnehmer weiter mit dem Thema „Scapuladyskinesie“ – normal, abnormal oder pathologisch bedeutsam?“. Torsten Kristant, ebenfalls Manualtherapeut und als Fachlehrer
für Manuelle Therapie aus den IFK-Seminaren bekannt, gelang es mit seinem unterhaltsamen und leicht philosophischen Einstieg, die Aufmerksamkeit der Teilnehmer trotz Mittagstief wiederzuerlangen. Er bezog das Publikum auch gleich mit ein und bat um pathologische oder abnormale Beispiele beim Menschen – ganz nach dem Motto: „Mensch sein heißt, variabel zu sein.“ In seinem Vortrag stellte er den diskussionswürdigen Begriff der Scapuladyskinesie auf den Prüfstand und ermahnte seine Zuhörer, aus dieser kein medizinisches Phänomen zu machen. „Ich möchte inspirieren, zu hinterfragen, ob Scapuladyskinesie wirklich was Neues ist oder nur des Kaisers neues Kleid. Denn die Evidenz ist unterm Strich sehr dürftig.“
Nach diesem äußerst kurzweiligen Vortrag folgte schließlich der vierte Vortrag, der von den Teilnehmern mit großer Spannung erwartet wurde. Schließlich wurde dieser als einziger nicht von einem Physiotherapeuten gehalten und ermöglichte so die Sicht aus einer ganz anderen Perspektive. Marthe Voutta, leitende Oberärztin für Arthroskopie und Sporttraumatologie in der Fachklinik 360°, referierte über die „Pathologien der Bizepssehne im Sport“ und setzte ihren Schwerpunkt insbesondere auf die heutigen OPVerfahren, die gänzlich neue Möglichkeiten eröffnen – sowohl in der unmittelbaren Versorgung einer Bizepssehnenruptur als auch in der postoperativen Physiotherapie. Auch hier machten die Teilnehmer rege davon Gebrauch, im Anschluss an den Vortrag Fragen zu stellen und in den direkten Austausch zu gelangen. Und schon kam das IFK-Symposium zu seinem Ende, das nicht das letzte gewesen sein soll. Fest steht schon jetzt: Es wird nächstes Jahr wieder ein Symposium geben. „Voraussichtlich mit einem anderen Schwerpunkt, um auch die übrigen Fachrichtungen nicht zu kurz kommen zu lassen und eine möglichst breite Teilnehmerschaft anzusprechen“, gab Neuer in seinen Abschlussworten einen kurzen Ausblick.

Marthe Voutta, leitende Oberärztin für Arthroskopie und Sporttraumatologie.