IFK Wissenschaftspreis 2020 – Wirkung von Kinesio-Tape auf die Schmerzintensität im Rahmen der konservativen Behandlung von Gonarthrose

Zweiter Preis Bachelorarbeiten – Literatur/Konzept: Marie Rufer, SRH Heidelberg, Thema „Wirkung von Kinesio-Tape auf die Schmerzintensität im Rahmen der konservativen Behandlung von Gonarthrose – Eine systematische Übersichtsarbeit“.

Kniegelenksarthrose ist eine der weltweit häufigsten Gelenkerkrankungen und geht unter anderem mit Funktionseinschränkungen und Schmerzen einher. Die Therapie gestaltet sich zunächst konservativ, beispielsweise durch Medikamente, Hilfsmittel und Physiotherapie. Erst bei fortgeschrittener Krankheitslast ist die operative Versorgung optional. Hierzu beschreibt Marie Rufer zunächst das Krankheitsbild der Gonarthrose sowie den Komplex der Schmerzentstehung und -therapie. Auch das Kinesio-Tape könnte eine Maßnahme zur Linderung muskuloskelettaler Schmerzen darstellen, die Wirkung bei tibiofemoraler Gonarthrose ist jedoch umstritten. Vor dem Hintergrund der fehlenden Evidenz war das Ziel der Bachelorarbeit die Beantwortung der Fragestellung: „Verspüren Personen mit konservativ behandelter Gonarthrose, die ein therapeutisches Kinesio-Tape erhalten, eine geringere Schmerzintensität als solche, die ein Placebo-Tape oder überhaupt kein Tape erhalten?“

Hierzu führte die Autorin eine Literaturrecherche in den elektronischen Datenbanken Cochrane Library, PEDro und PubMed durch. Mithilfe der PEDro-Skala wurde die Qualität der gefundenen Studien bewertet. Um die extrahierten Daten systematisch gegenüberstellen zu können, erstellte Rufer eine Evidenztabelle, die neben Namen der Forscher und dem Veröffentlichungsjahr auch die PICOS-Kriterien Population, Intervention, Kontrollintervention, Outcome und Studiendesign enthält.

In die Auswertung wurden zwölf Studien mit einem durchschnittlichen PEDro-Score von 6,9/10 Punkten eingeschlossen. Zehn der zwölf Studien wiesen eine statistisch signifikante Reduktion der Schmerzintensität nach. Allerdings konnten davon wiederum nur fünf Studien bei allen Messungen mit allen Assessments eine schmerzlindernde Wirkung nachweisen. Die Ergebnisse waren zudem in insgesamt sechs Studien klinisch relevant.

Rufer kam zu dem Endergebnis, dass die Studien durch ihre Heterogenität und die methodischen Mängel keine eindeutige Beantwortung der Frage ermöglichen. Es gibt Hinweise, dass Kinesio-Tape die Schmerzintensität bei konservativ behandelter Gonarthrose reduzieren kann. Daher wird die Empfehlung ausgesprochen, die versuchsweise Anwendung von Kinesio-Tape mit dem Patienten individuell abzusprechen. Aufgrund der geringen Studienlage wäre jedoch eine weitere Erforschung von größerem Umfang und genauerer Abgrenzung der Intervention und Vergleichsinterventionen notwendig, um eine evidenzbasierte Aussage treffen zu können. Hierbei sollte auch auf eine hohe Qualität bei der Auswahl der Messinstrumente und des Studiendesigns geachtet werden.

Marie Rufer liefert mit ihrer Bachelorarbeit eine solide durchgeführte Übersichtsarbeit zu einem praxisrelevanten Thema. Sie interpretiert die Ergebnisse nachvollziehbar und vergleicht sie mit bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Auch wenn keine eindeutige Schlussfolgerung zur Effektivität von Kinesio-Tape formuliert werden kann, so werden die unterschiedlichen Aspekte kritisch reflektiert und ihre Bedeutung für die Behandlung von Patienten mit Gonarthrose bewertet. Deshalb gewann Marie Rufer den zweiten Platz in der Rubrik Bachelorarbeiten – Literatur/Konzept.

Der physiotherapeutische Nachwuchs steht im Mittelpunkt: Bereits 16. Mal hat der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) herausragende wissenschaftliche Arbeiten von Studierenden prämiert. Die Serie „IFK-Wissenschaftspreis 2020“ stellt die Forschungsthemen der Preisträger vor. Die Arbeiten werden zudem ausführlicher in lockerer Reihenfolge im IFK-Fachmagazin physiotherapie veröffentlicht.